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„Der Radfahrer, der hinaus in die Kälte fuhr“: Ein Abenteuer entlang des EuroVelo 13 – Iron Curtain Trail

Bei seinem jüngsten Erlebnis unternahm der britische Author Tim Moore eine wahrlich abenteuerliche Fahrradtour. Er fuhr die gesamte Strecke der EuroVelo 13 – der Route des eisernen Vorhangs – auf einem alten Rad aus der DDR. Um das ganze noch etwas verrückter zu gestalten, startete er seine Reise am nördlichen Polarkreis bereits im März. Das Buch dazu „The Cyclist Who Went Out In The Cold“ erschien diese Woche und wir haben bereits mit Tim über seine Erfahrungen entlang der längsten Strecke des EuroVelo Netzwerks gesprochen.

 

EuroVelo: Das letzte Mal, dass wir mit dir gesprochen haben, war in den Wochen vor deiner Abreise, als du allmählich anfingst zu realisieren, was du dir da vorgenommen hattest. War es so herausfordernd, wie du es befürchtet hattest? Und inwiefern war es vergleichbar mit deinen vorherigen Touren?

Tim Moore: Ich kann ehrlichweise sagen, dass es die schrecklichste Herausforderung gewesen ist, die ich jemals in meinem gesamten Leben unternommen habe, und das mit einem furchterregenden Abstand. Die Wochen, in denen ich durchs eingeschneite, trostlose Finnland „gekrochen“ bin, werden mich für immer begleiten. Wessen dumme Idee war es im Winter zu starten? Nichtsestotrotz habe ich es geschafft und dafür muss ich zu einen der emporragenden Persönlichkeiten im Pantheon der durchhaltestarken „Shopping Cyclists“ zählen. 

 

 

Diejenigen, die deinem Twitter Account (@mrtimmoore) folgen, wurden mit regelmäβigen und oft sehr witzigen Einträgen über den Fortschritt der Reise auf dem Laufenden gehalten. Welche Erinnerungen stechen hervor, wenn du über ein Jahr später auf die Tour zurückblickst?
Allein zu sein für weite Teile an fast jedem Tag – denn der eiserne Vorhang verlief durch ein sehr ausgedehntes Sperrgebiet und auch 25 Jahre später ist die Gegend gröβtenteils menschenleer geblieben. Ich habe sehr oft laut und seltsam vor mir her gesungen und in der Regel wurde es auch ein bisschen lustig. Man kann daraus bereits schlieβen, dass ich ein paar wundervolle Menschen entlang der Strecke getroffen habe, wenngleich davon nicht viele Begegnungen in Russland waren. Willkürlich brennen sich mir ein paar Bilder in meinen Kopf ein: das Schlafen in einer Bank im ländlichen Finnland; das Fahren mit dem Rad durch abgespülte Stapel von Packeis an einem baltischen Strand in der Nähe von St. Petersburg oder das Mimen einer vertraulichen Beschwerde über den Sattelbereich des Fahrrads mit einem estnischen Chemiker... Fakt ist, dass wir hier den ganzen Tag zusammensitzen könnten, deshalb ist hier ein Link zu der vollständigen Zusammenfassung meiner Erinnerungen.

 

Gibt es für jeden, der nicht die Zeit dafür hat in deine Fuβstapfen zu treten und die EuroVelo 13, den Iron Curtain Trail, in seiner Gesamtheit hinunter zu fahren, einen bestimmten Abschnitt bzw. mehrere Abschnitte, die du empfehlen würdest?
Die Ostseeküste war wunderbar flach und bot viele interessante Stationen zum anhalten, wie zum Beispiel alte Schulzentren oder stillgelegte Gebäude aus dem Kalten Krieg, sofern dies genauso euer Ding ist, wie es meins war. Allerdings ist es im Frühling ein wenig windig. Deutschland ist ein langer samtartiger Fahrradweg. Serbien war eine tolle Entdeckung: freundliche Menschen, gutes Essen und interessante Städte, keine Touristen und mitreiβend tiefe Preise. Hinsichtlich Landschaft und eine ein wenig unkoventionelle Herausforderung bietet sich die unvergessliche Strecke von Mazedonien bis zum kleinen Hügeldorf von Dospat in Bulgarien an. Genau genommen würde ich erfreulicherweise die meisten Streckenabschnitte empfehlen, abgesehen von Finnland im Winter und generell die Strecken in Russland. 

 

Eines der Ziele der EuroVelo 13 – Route des eisernen Vorhangs ist es den Menschen die Möglichkeit zu geben, den eisernen Vorhang, der Europa für fast ein halbes Jahrhundert in West und Ost geteilt hat, zurückverfolgen und erfahren zu können. Hast du ein neues Verständnis für diese wichtige Phase der europäischen Geschichte gewinnen können?
Definitiv – Es war eine faszinierende aber teilweise auch eine ernüchternde Erfahrung von dieser Perspektive aus. Ich gab Russland am Ende etwas Spielraum, basierend darauf, dass seine allgemeine Verbitterung wahrscheinlich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Einbruch der Anerkennung seines Mutterlands verbunden ist. Beim Passieren all dieser verfallen militärischen Kontrollpunkte und heroischen, sozialistischen Standbilder schwankte ich zwischen Schrecken und Bewunderung: es waren die Relikte eines erstaunlichen sozialen Experiments, das zu seinen Hochzeiten ein Drittel der Weltbevölkerung umfasste, eine theoretisch löbliche Ideologie, die schrecklich geronn und einen solchen potentiellen Hass auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs produzierte, dass sie fast unseren ganzen Planeten zerstört hätte. Ich hätte nicht erwartet, dass die Menschen so abgeneigt waren, über die alten Zeiten zu diskutieren, insbesondere in der alten DDR, der heutige Osten Deutschlands. Als ich die Fabrik besuchte, wo mein Fahrrad hergestellt wurde – bemerkenswerterweise immer noch in Betrieb – wurde das Thema immer wieder gewechselt, sobald ich nach der sozialistischen Zeit fragte. Es machte Sinn, als ich lernte, dass in Übereinstimmung mit dem DDR-Durchschnitt jeder Fünfte der älteren Generation ein Stazi-Spitzel gewesen ist. Ich fuhr nach Deutschland in einer Kopie des DDR-Fahrradtrikots, weil ich dachte, dass es nach 25 Jahren ein Hauch von Nostalgie auslösen würde. Was ein rücksichtloser Idiot. Ich wurde an meinem ersten Tag, an dem ich es trug, fast von Fahrrad geschmissen und danach bedeckte ich das beleidigende Logo jeden Morning mit zwei Klebebandstreifen.

 

Wir gehen davon aus, dass dein 1970 in der DDR hergestelltes, zusammenklappbares MIFA Eingangrad den Trip überlebt hat! Was ist damit jetzt passiert?
Es gab Zeiten – manchmal länger als einen Monat – da fluchte ich laut und lange, warum ich mich mit einer solch hoffnungslosen Maschine abgebe. Die Berge mit einem voll beladenen Fahrrad hochfahren ist kein Spaβ, jedoch wahrscheinlich mehr Spaβ als sie in einem hinunter zu fahren. Denn die Rücktrittsbremse habe ich nie beherrscht. Letztendlich hat mich mein kleines tapferes MIFA aber stolz gemacht: eines der Ziele meiner verrückten Mission war es zu beweisen, dass das Fahrrad, sogar in seiner einfachsten Form, überall hinfahren kann und alles machen kann - es wird dich immer ans Ziel bringen, sogar wenn dieses Ziel 9.000 Kilometer weit entfernt ist. Erstaunlicherweise, mit den oft sehr zweifelhaften Belägen, hat ich nur einen einzigen Platten - jedoch habe ich meine Kurbel abgefahren und das Headset so stark abgenutzt, dass ich zum Schluss jede Kurve wie eine kleine Serie an geraden Linien angehen musste, wie die Seiten eines Achtecks. Jedenfalls steht es jetzt im Schuppen und ich benutze es einmal pro Woche. Es wird nächste Woche mit mir auf einer kleinen, bescheidenen, nationalen Werbekampagne mitkommen! Langfristig werden wir sehen, ob der exzentrische Millionär, der die MIFA Fabrik jetzt betreibt, sein Versprechen halten wird und mein Rad in dem neuen Radmuseum aufstellt, welches er gerade baut.

Ihr Buch bezieht sich auf Ihre Erfahrungen auf dem Iron Curtain Trail - Der Radfahrer, der hinaus in die Kälte fuhr - welches diese Woche rausgekommen ist. Werfen Sie schon einen Blick auf Ihr nächstes Abenteuer oder erholen Sie sich noch von Ihrem letzten?

Da ich erst gerade die 10 Kilo wieder zugenommen habe, die ich während meiner Fahrt verloren hatte, sollte ich erst an meine Genesung denken. Ich habe mir eigentlich geschworen nie wieder ein anderes Radabenteuer zu unternehmen, da es das Vorherige nicht toppen kann. Das meinte ich aber vor diesem letzten auch schon.

 

Der Radfahrer, der hinaus in die Kälte fuhr, wird von Yellow Jersey herausgegeben und ist hier zum Kauf erhältlich.

 

Und um einen besseren Eindruck von Tims Erlebnis zu gewinnen, finden Sie auf Youtube den Promofilm.

 

ECF möchte auf die teils 'extremen' Konditionen auf manchen Abschnitten des EuroVelo Netzwerkes hinweisen, die außerhalb der Saison eine Herausforderung darstellen können. Kontaktieren Sie bitte das relevante Nationale EuroVelo Koordinationszentrum oder den Koordinator für weitere Informationen.